Am 28. November 2017 beginnt online die Weibliche Werte Konferenz. Als ich zu einem Interview dazu eingeladen wurde habe ich mir die Frage gestellt, ob weibliche Werte sich von männlichen unterscheiden. Eine einfache Antwort fand ich nicht. Im Gegenteil: es stellte sich mir einen weitere Frage.

Gibt es überhaupt geschlechtsspezifische Werte?

Generell ordnet man  Frauen Werte wie Toleranz, Familie und Großzügigkeit zu, während Männer eher mit Macht, Unabhängigkeit und Ambition in Verbindung gebracht werden. Aber trifft diese Pauschalisierung wirklich auf genug Menschen zu, dass man sie als allgemeingültig betrachten kann?

In meinem Artikel über den Einfluss der Werte auf das Leben  hast du gelesen, dass Werte individuell ausgeprägt sind und gebildet werden durch die Einflüsse unserer Familien und dem sozialen Umfeld sowie durch unsere Erfahrungen. Da sich diese verändern, verändern sich auch die Werte.

Generationen und ihre Werte im Vergleich

Das Wirtschaftswunder

Meiner Mutter wurde1932 geboren. Man erzog ihre Generation für eine klar definierte Frauenrolle. Das  Handbuch für die gute Ehefrau  von 1955 ist ein Spielgel seiner Zeit.

Mit diesen Verhaltensregeln wurden den Frauen Werte vermittelt, die unterschiedlicher von den männlichen nicht sein konnten. In dieser patriarchalen (männlichen) Struktur, hatte der Mann das Sagen und die Frau hatte zu folgen.

Die gesellschaftliche Macht lag im öffentlichen Bereich. Hier wurden die Regeln für das Gemeinwesen festgelegt, wirtschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen bestimmt und über Krieg und Frieden entschieden. Dieser Bereich war nur den Männern zugänglich. Der „Machtbereich“ der Frauen lag im Privaten. Er war beschränkt auf den Familienbereich und die Macht der Frau war dort sehr begrenzt.

Die durch Familie und Umfeld gebildeten Werte sind sie durch diese klaren Strukturen gezielt vermittelt worden und durch Erfahrungen bestätigt worden. Eine Generation später kam ein radikaler Wechsel.

Die Frauenbewegung der 70er Jahre.

Im bürgerlichen Gesetzbuch war bis dahin festgelegt, dass die Frau die Erlaubnis ihres Mannes brauchte, um arbeiten zu dürfen. Erst 1977 wurde dieses Gesetz in der BRD geändert. Damit wurde der öffentliche Machtbereich Frauen zugänglich gemacht. Jetzt wurden Frauen auch finanziell unabhängig. Denn selbst wenn ein Mann einer Frau vorher erlaubt hatte zu arbeiten, so verwaltete er doch ihren Lohn. Bis 1962 durften Frauen kein eigenes Bankkonto eröffnen. Erst ab 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen.

Durch das Auflösen der klaren Strukturen veränderten sich vor allem die Einflüsse des Umfelds und der eigenen Erfahrungen auf die Frauen. Die der weiblichen Rolle zugeordneten Werte wurden hinterfragt. Einige passten nicht mehr. Sie entsprachen nicht den neuen Erfordernissen. Oder sie wurden innerlich abgelehnt und abgelegt.

Bis dahin gab es Werte, die dem öffentlichen Bereich zugeordnet wurden, andere dem privaten Bereich. Da der öffentliche Bereich den Männern oblag, wurden die entsprechenden Werte ihnen zugeordnet. Dementsprechend wurden die Werte des privaten Bereichs den Frauen gleichgestellt. Nach der Öffnung des öffentlichen Bereichs für die Frauen stellt sich jetzt die nächste Frage

In wie weit bringen Frauen die ihnen zugeordneten Werte mit in den öffentlichen Bereich?

Tatsache ist, dass im Arbeitsbereich die meisten Strukturen männlich geprägt sind. Sie sind nicht nur hierarchisch von oben nach unten aufgebaut (im Gegensatz zu weiblichen Strukturen, die sich auf einer Ebene befinden). Sie basieren auch auf männlichen Werten. Frauen, die mit ihren weiblichen (privaten) Werten dazu stoßen, können sich mit diesen dort häufig nicht durchsetzen. Sie ecken an und leiden oft wegen der Missachtung ihrer Werte in diesem Umfeld. Doch über die letzten Jahrzehnte hat hier ein Wandel statt gefunden.

Der öffentliche Bereich verändert sich

Im Rahmen der Integration und Anpassung hat bei allen Beteiligten ein Wandel statt gefunden. Einige Frauen haben männliche Werte mehr oder weniger, je nach eigenen Voraussetzungen, angenommen. Gleichzeitig haben sie weibliche Werte mit eingebracht. Verändert sich ein Glied im System, dann verändert sich das ganze System. So geschah (und geschieht) es auch hier. Weibliche Werte (= Werte des privaten Bereichs) wurden für den öffentlichen Bereich immer öfter als gut und nützlich erkannt.  „Emotionale Kompetenz“, die meist von Frauen eingebracht wird, ist heute ein wichtiges Kriterium im öffentlichen Bereich.

Gibt es denn jetzt typische weibliche Werte?

Da Werte durch Umfeld, Familie und Erfahrungen gebildet werden und Frauen über Jahrhunderte den privaten Bereich zugewiesen bekommen haben, glaube ich persönlich, dass wir evolutionär gesehen die Werte dieses Bereichs verinnerlicht haben. Wir sind noch immer die Hüterin des Heims und des Herdes. Gleiches gilt für den Mann als Jäger und Ernährer.

Nichtsdestotrotz hat jede Frau auch eine Kriegerin in sich. Nicht jede Frau kennt ihre Kriegerin und nicht jede lässt sie raus, aber sie ist da. Sie ist diejenige, die bei Gefahr die Kinder schützt, in der Not die Existenz sichert und für Frauenrechte und Frieden kämpft (um hier nur einige Beispiele zu nennen). Obwohl sie ein Teil von dir ist, verkörpert sie männliche Werte wie Kampfgeist und Durchsetzungskraft. Die Kriegerin ist nüchtern und zielgerichtet und, ja, echt unweiblich. Wir setzten sie ein, wenn wir oder die Menschen, die wir lieben, bedroht sind. Obwohl sie ist ein Teil von uns ist, handelt und denkt nicht nach den Werten, die uns als Frauen über Jahrhunderte vorgelebt und weitergegeben wurden. Sie ist je nach Persönlichkeit unterschiedlich stark ausgeprägt und wird meist nur situationsabhängig gelebt.

Mein persönliches Fazit

Ich glaube, dass die von uns verinnerlichten Werte durch den jeweiligen Bereich, in dem sie entstanden, geprägt und weitergegeben wurden, erlernt wurden. Das entsprach nun mal über Jahrhunderte im öffentlichen Bereich dem Mann und im privaten der Frau. Da sich seit ein paar Jahrzehnten die Geschlechter in den Bereichen vermischen, ändern sich auch die Wertvorstellungen der Geschlechter. So ist nicht nur zu beobachten, dass Frauen als männlich bezeichnete Werte im öffentlichen Bereich übernehmen. Seit Männer auch Hausmänner werden oder Erziehungszeiten mit den Kindern nehmen, übernehmen sie dort auch die dem privaten Bereich zugeordneten weiblichen Werte. Meine persönliche Meinung ist, dass die von uns gelebten Werte mehr durch das Umfeld geprägt werden, in dem wir grade agieren, als durch unser Geschlecht.

Wie siehst du das? Sind weibliche Werte abhängig vom Geschlecht oder vom Bereich? Und in wie weit können weibliche Werte den öffentlichen Bereich weiter verändern? Ich freu mich auf deinen Kommentar und beschließe diesen Artikel mit einem wunderbaren Zitat von Alice Schwarzer:

„Nicht unsere Integrierung ist wünschenswert, nicht die Vermännlichung der Frauen, sondern die Vermenschlichung der Geschlechter.“

Wenn du im CoachingCorner immer auf dem Laufende sein willst, melde dich hier an:

Ja, ich will noch mehr Impulse!

Hidden Content